Montags Impuls 01.08.2022

Loslassen

Das wirkliche Loslassen geschieht immer unvermittelt, ganz plötzlich in einem Moment, in dem Du vollkommen absichtslos bist und es nicht erwartest. Es geschieht Dir, wenn Du zu solch einem Loslassen kommst, dass dieses Loslassen kein Loslassen ist, das Du `machst`, sondern dass es ein Loslassen ist, das Du `bist`. Dass es ein Vergessen Deiner selbst und aller Dinge ist, solcherart, dass Du selbst zum `Losgelassen-Sein` geworden bist. Dies geschieht jedoch ohne Dein willentliches Zutun, sondern allein aus Gnade, `Tariki`, der Wirkkraft des Einen Geistes.

aus: Die Zen-Ochsenbilder von Zensho W.Kopp

Immer wieder sind wir angerufen, zu lassen: die Vorurteile, das Planen, das Kontrollieren, ja selbst die eigenen Lebenserfahrungen, alle vermeintlichen Sicherheiten …

Was geschieht, wenn wir Gewohntes lassen?

 

Montags Impuls 25.07.2022

Alles vergeht

Wisset, das irdische Leben ist nur ein Spiel
und ein Scherz und ein Schmuck und ein Wettbewerb,
wer am reichsten ist, wer die meisten Kinder hat.
Es ist wie Regen, der die Pflanzen spriessen lässt,
und darüber freut sich das ganze Dorf.
Alsdann welken sie, und du siehst sie gelb werden und verdorren.
Und alles zerfällt.

                                                            Koran Sure 57.20

 Was hier in uns nicht so vertrauten Bildern und einer ungewohnten Sprache ausgedrückt wird, ist die Vergänglichkeit aller Dinge.

Auch die Bibel, sowohl im Alten wie im Neuen Testament erzählt darüber, und im Zen-Buddhismus ist der Begriff der Unbeständigkeit ein zentraler. Nichts hat Bestand!

Das kann schmerzen und traurig machen, kann aber auch tröstlich sein und entlasten.

Auf jeden Fall ist es einfach so.

Sitzen wir im Bewusstsein, dass alles zerfällt.

 

 

Montags Impuls 18.07.2022
In aussergewöhnlichen Zeiten – ungewohnt – gilt es, oder haben wir die Chance, neue
Verhaltensweisen zu entdecken. Sich anpassen ist gefordert, nicht nachlässig sein, aber
achtsam und bewusst, die 5 vielleicht auch mal gerade sein lassen. Aber auch tun, was geht
oder getan werden muss. Vielleicht etwas langsamer, in kleinen Portionen.
Eine neue Art von `Bei-sich-sein`? Bei über 35°C neue Seiten an sich kennen lernen?
So erlaube ich mir heute, Sie einfach auf ein herzerfrischendes Buch hinzuweisen. Gut lesbar,
nicht oberflächlich und voller Weisheit.
Die Weisheit alter Hunde. Gelassen sein, erkennen, was wirklich zählt – was wir von grauen Schnauzen über das Leben lernen können.
Elli H. Radinger. Heyne Verlag. 2020.

 

 

Montags Impuls 11.07.2022

`Deine Hütte wird es dich lehren`

Dieser Ausspruch, der durchaus auch von einem Zen-Meister stammen könnte, wird einem der christlichen Wüstenväter zugeschrieben. Wüstenväter (abbas) waren Mönche, die sich ab dem 3. Jh., auch aus Gründen der Christen-Verfolgung unter dem römischen Kaiser Diokletian (245 – ca. 313), zu Gebet und Arbeit und Askese in Höhlen der arabischen Wüste zurückzogen. Sie hatten oft viele Schüler. Es gibt ganze Sammlungen von weisen Aussprüchen dieser Menschen. Ihre Haltung: ganz auf mich zurückgeworfen, allein in meiner Höhle, oder Hütte, aus meinem Innersten heraus, erfahre ich Gott. – Und viele Menschen suchten bei ihnen Rat für ihr Leben. Es gibt sie auch, die Wüstenmütter oder spirituellen Mütter (ammas).

Folgende Geschichte berichtet, wie der Wüstenvater Makarios einen jungen Mönch auf den Friedhof schickt. Er soll die Toten eine Stunde lang beschimpfen und dann eine Stunde lang loben. Natürlich antworten die Toten nicht. Als der Mönch zu Makarios zurückkehrt, sagt dieser: «Mach es wie die Toten: Achte weder auf Lob noch auf Tadel. Dann wird dein Leben gelingen.» Das bedeutet nicht, dass der Mönch gefühllos werden soll. Er soll sich jedoch weder von der Anerkennung noch von der Ablehnung anderer definieren, sondern allein von Gott her. Wem dieses innere Streben gelungen ist, der kann mitten in der Welt leben ohne von ihr beherrscht zu werden.

Geh` immer wieder in deine eigene Hütte.      

 

Montags Impuls 04.07.2022

Spirituelles Vertrauen

Am letzten Mittwoch hat Dagmar Jauernig, eine Lehrende aus dem Meditationszentrum Haus Tao in Wolfhalden, den Abend gestaltet und mit einem Vortrag zu spirituellem Vertrauen bereichert.

Was kennzeichnet `spirituelles Vertrauen`, unterscheidet es von `gewöhnlichem Vertrauen` oder von `Urvertrauen`?

Es geht eindeutig über das gängige: es chunnt scho guet hinaus. Es ist erwerbbar, oder geschieht einem aus Gnade. Es ist einübbar, auf dem Kissen. Es basiert auf einer Erfahrung, es ist eine eigentliche Tätigkeit. Viele werden erst durch einschneidende Lebensereignisse dazu gebracht. Und dabei wächst die Erfahrung, die immer mehr zu einer Gewissheit wird: es erweist sich als richtig, was gerade geschieht, es bestätigt sich, und ich werde durch den Gang der Dinge ermutigt weiterzugehen, und dabei immer wieder das Vertraute, das Gewohnte, das bisher Erfahrene zu lassen. Und mich immer wieder aus Erstarrung oder schlichtweg Gewohnheit aufrütteln zu lassen, im Wissen um die Unbeständigkeit der Umstände.

Sobald ich an Sich-Ereignendem festhalte, droht Leiden. Beständig ist nur der Wandel. Und der hat seinen eigenen Rhythmus. Spirituelles Vertrauen üben wir beim regelmässigen Sitzen ein. Das Vertrauen, gehalten zu sein, was auch immer gerade passiert. Das weitet unseren Geist, und wir werden tatsächlich befähigt, auch in widrigen Umständen, immer wieder zu unserem Atem zurückzukehren.

 Wagen wir uns vertrauensvoll ins Unvertraute.   

       

Montags Impuls 27.06.2022

Eins – und zugleich auf ein Du ausgerichtet

Wir sind alle und alles ein einziger Organismus, aber in der Anerkennung eines DU, im Göttlichen oder einfach in unserem Gegenüber, erkennen wir unsere Verschiedenheit, unsere Eigenheit und je eigene Funktion in diesem Gesamtorganismus und differenzieren uns mit diesem fortschreitendem Erkennen immer weiter aneinander aus.

DU, der über uns ist,
DU, der einer von uns ist,
DU, der ist – auch in uns;
dass alle Dich sehen – auch in mir,
dass ich den Weg bereite für Dich,
dass ich danke für alles, was mir widerfuhr.

Dass ich dabei nicht vergesse der andern Not.
Behalte mich in Deiner Liebe,
so wie DU willst, dass andere bleiben in der meinen.
Möge sich alles in diesem meinem Wesen
zu Deiner Ehre wenden,
und möge ich nie verzweifeln.
Denn ich bin unter Deiner Hand,
und alle Kraft und Güte sind in Dir.

Gib mir einen reinen Sinn – dass ich Dich erblicke,
einen demütigen Sinn – dass ich Dich höre,
einen liebenden Sinn – dass ich Dir diene,
einen gläubigen Sinn – dass ich in Dir bleibe.

Dag Hammarskjöld (1905-1961, schwedischer parteiloser Staatsekretär, UNO General-Sekretär, posthum Friedensnobelpreis)

Sitzen wir in diesem Paradox von eins und du.           

 

Montags Impuls 20.06.2022

Handeln

Oft fragen wir uns: was soll ich tun? Wenn wir aus der Erfahrung – der täglich im Sitzen einzuübenden – von der Einheit allen Lebens motiviert werden, wissen wir, was zu tun ist. Im ganz Kleinen oder auch im Grossen.

Wir streben beim Meditieren nicht nach Erleuchtung für uns selbst, und um zu schönen Gefühlszuständen zu finden. An unseren Handlungen lässt sich die Tiefe unserer Erleuchtung – inwieweit wir das Leben begriffen haben, uns haben vom Leben ergreifen lassen – ablesen.

`Im Zen verlierst du dich ganz und gar im Leben` (Bernie Glassman, jüdisch-amerikanischer Zen-Meister 1939 – 2018). Und jeder in seinem ureigensten Leben. Und mit der zunehmenden Erfahrung, dass wir von niemandem und nichts abgetrennt sind, in die Haltung des Dienens hinein. Mir selbst gegenüber und allem anderen. Diese Haltung ist im tiefsten friedensfördernd. `Wir können die Tiefe der Erleuchtung eines Menschen daran ablesen, wie er/sie anderen dient `. (Bernie Glassman).

Dem Leben dienen, der Entwicklung und Entfaltung – in uns und in anderen.

 

     

 

Ausrichtung der Kräfte

Eins mit Dir,
Urgrund allen Lebens,
diene ich der Menschheit,
der Erde und dem Kosmos.

Mit liebendem Herzen
setze ich mich ein
für Gerechtigkeit und Frieden in mir,
in meinen Beziehungen und in der Welt
und achte alle Dimensionen der Schöpfung.

Zum Wohle leidender Wesen
in Armut, Gewalt und Schmerz
verkörpere ich Mitgefühl
und traue der göttlichen Weisheit in mir.

Achtsam lebe ich
Ergänzung und partnerschaftliches Miteinander
von Menschen aller Geschlechter,
Religionen und Kulturen,
Technik und Natur.

Ich bin bereit,
in Verantwortung für kommende Generationen
den Weg des Erwachens zu gehen,
Glück und Mühsal des Wachsens anzunehmen
und wahrhaft liebend zu werden.

Göttlicher Urgrund,
lass mich erfahren,
dass Dein ICH BIN
mein ICH BIN ist.

 

Ethikcodex 

1.   Nicht tötend …

lebe ich im Einklang mit allem Leben. Die Haltung des Nicht-Tötens und Nicht-Schadens nehme ich in differenzierter Weise in allen meinen Handlungen ernst.

2.   Nicht stehlend …

verpflichte ich mich, nichts zu nehmen, was mir nicht gehört, den Besitz anderer zu respektieren und im Umgang mit Geld aufrichtig zu sein.

3.   Sexuelles Fehlverhalten meidend …

verpflichte ich mich, niemandem durch Sexualität zu schaden. Alle Lehrenden verpflichten sich, ihre Autorität und Position nicht für sexuelle Beziehungen auszunützen. Sexuelle Beziehungen sind mit einem Lehrer/in-Schüler/in-Verhältnis nicht vereinbar.

4.   Nicht lügend …

bewahre ich eine transparente und ehrliche Haltung gegenüber Schüler/innen, Kursteilnehmenden und Lehrenden. Grenzen in der Begleitung anderer Menschen gestehe ich mir ein und spreche Belastungen in Beziehungen an. Wir fördern und fordern uns gegenseitig in mitfühlender und respektvoller Weise.

5.   Einen klaren Geist fördernd und Drogen meidend …

pflege ich einen verantwortungsvollen Umgang mit jeglicher Art von Dingen und Aktivitäten. Dazu gehören nebst dem Umgang mit Zeit, Medien, Konsum, Besitz und Beziehungen auch der Umgang mit Drogen, Alkohol und Tabak.

6.   Nicht über Fehler anderer lästernd …

verpflichte ich mich, die Würde der Einzelnen zu respektieren, indem ich ihrer Einzigartigkeit Rechnung trage. Was ich als Fehler betrachte, ist meine Sichtweise und damit relativ. Wenn Entscheidungen gefällt werden müssen, handle ich aus der inneren Mitte und trage die Verantwortung für meine Handlungen.

7.   Auf Eigenlob verzichtend und andere nicht verunglimpfend …

stehe ich offen für meine Überzeugungen ein, ohne die Einschätzung anderer geringzuachten. Ich respektiere die Ebenbürtigkeit aller Menschen und anerkenne, dass jede und jeder nach seinen besten Fähigkeiten handelt. Ich fördere das Potential aller Menschen.

8.   Überfluss nicht eigenmächtig zurückhaltend …

bin ich mir bewusst, dass der Kreislauf des Lebens auf Geben und Nehmen basiert. Ich habe die Sorge für den natürlichen Reichtum der Schöpfung und für die Verteilung der Güter im Blick. Ich lebe nach Massgabe der Möglichkeiten grosszügig aus meiner Mitte und tue alles, was der Gerechtigkeit, der Solidarität in der Gesellschaft, dem Frieden und der Bewahrung der Schöpfung dient.

9.   Gefühle von Wut regulierend …

bin ich mir bewusst, dass Wut ein starker Ausdruck von Energie und Wissen ist und ein Potential für Veränderung und Erneuerung darstellen kann. Ich bemühe mich um einen konstruktiven Umgang mit dieser Kraft und vermeide es, andere zu verletzen oder ihnen zu schaden. Ich praktiziere Mitgefühl allem Leben gegenüber und orientiere mich an der goldenen Regel, niemandem zuzufügen, was ich nicht selber erleben möchte.

10.  Nicht über die Schätze unserer Traditionen lästernd …

würdige und ehre ich die Schlüsselfiguren, die Traditionen und die Gemeinschaften, in welchen ich verankert bin oder zu denen ich durch die Begleitung von Kontemplierenden in Beziehung stehe. Ich biete anderen Traditionen meinen Respekt und Schutz vor Verunglimpfung an.

Ich verstehe die zehnte Richtlinie als eine Zusammenfassung der neun vorhergehenden Richtlinien und als eindringlichen Wegweiser für mein Handeln.

11.  Sorgfältig mit dem mir Anvertrauten umgehend …

halte ich die Schweigepflicht ein. Alles, was ausgesprochen wurde, behandle ich vertraulich.

 

 

10 Tipps zur Sitzmeditation

1.   Nehmen Sie sich täglich 15-25 Minuten Zeit dafür.

2.   Wählen Sie dazu einen ruhigen Ort im Haus, in der Wohnung, den Sie so beibehalten. Ein Kissen, ein Bänkli oder ein Stuhl, eine Matte, eine leere Wand.

3.   Regelmässigkeit ist wichtig. Die Wiederholung macht uns das Ueben zur Gewohnheit. Körper und Geist lernen durch die eingenommene Haltung: ah, jetzt ist die Zeit der Ruhe gekommen.

4.   Der Morgen vor dem Frühstück erweist sich allgemein als günstig. Handy beiseite legen. Kein Telefon abnehmen in dieser Zeit. Wir üben die Gegenwärtigkeit,

5.   Geduld: die Uebung wird unseren Alltag verändern. Transformation geschieht.

6.   Im Körper zeigen sich anfangs Verspannungen, Schmerzen, oder wir beginnen, diese überhaupt wahrzunehmen. Wir beginnen, ein „Gspüri“ für unseren Körper zu entwickeln.

7.    Es können verschiedene Gefühle auftreten, uns auch überschwemmen, oder wir machen spezielle Erfahrungen. Ein/e erfahrene/r Lehrer/in kann da anleiten und begleiten.

8.    Wir können allein üben, sitzen – in der Gemeinschaft wird die Meditationskraft stärker. Das Sitzen wird zu einem Gemeinschaftserlebnis und trägt uns.

9.    Es kann zu Einbrüchen bezüglich Motivation kommen. Manchmal haben wir es mit einer momentan unangenehmen Wirklichkeit zu tun. Da können der Wille dran zu bleiben, gute Lektüre

und die Gruppe helfen.

10.  Und last but not least: der Transfer in den Alltag. Nicht auf dem Kissen stecken bleiben. Wie setze ich

meine Erfahrung, meine Erkenntnisse in die Praxis um?

Es gibt zudem  jeden Tag immer wieder Gelegenheiten – beim Warten, bei der Kaffeepause oder beim kurzen Innehalten, bevor wir einen Anruf entgegennehmen – uns zu zentrieren und zu uns selbst zurückzukehren.

(01.11.2021  in Bearbeitung)