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Montags Impuls 15.07.2024

Beten …

Als mein Gebet immer andächtiger und innerlicher wurde,
da hatte ich immer weniger und weniger zu sagen.
Zuletzt wurde ich ganz still.
Ich wurde, was womöglich ein grösserer Gegensatz zum Reden ist,
ich wurde ein Hörer.

Ich meinte erst, beten sei reden.

Ich lernte aber, dass beten nicht nur schweigen ist,
sondern hören.

So ist es: Beten heisst nicht, sich selbst reden hören,
beten heisst, still werden und still sein und warten,
bis ich als Betende(r) Gott höre.

                        nach: Sören Kierkegaard (1813 – 1855)

 … heisst lauschen                                                                                  

 

Montags Impuls 08.07.2024

Gassho

Wenn wir die Handflächen aneinanderlegen, die Hände vor die Stirne führen und uns aus der Hüfte heraus verneigen, nennt man dies in japanisch-buddhistischen Kreisen: Gassho machen:

Das Göttliche in mir verneigt sich vor dem Göttlichen in dir.

Das kann ein kleiner Gruss auf der Strasse oder bei einer Begegnung sein, das kann Zeichen der eigenen Präsenz sein, wenn wir den Meditationsraum betreten, das kann eine tiefe, längerdauernde Verbeugung sein, um einem Menschen, einer Situation, ja irgendeinem Wesen gegenüber, unseren Respekt auszudrücken. Ein kurzes Innehalten auch.

Und es führt uns — diese leibliche Bewegung — selbst in die Sammlung.

Grüss dich!                          

 

Montags Impuls 01.07.2024

Radikaler Optimismus

 

Der radikale Optimist folgt dem Weg der Innigkeit, dem Weg der Unbeständigkeit im grossen Ozean der Veränderung. Die radikale Optimistin ist eins mit der Ebbe und Flut des Übergangs, gegen den sie sich nicht wehrt. Als wahrhafter Bodhisattva surft sie auf den Wellen von Geburt und Tod, ohne ein Ziel vor Augen, während sie dahingleitet, ohne noch ein anderes Ufer erreichen zu wollen. Mit bedingungsloser Akzeptanz, alle Erwartungen loslassend, eilt sie mühelos und voller Hingabe auf dem Kamm der wildesten Wellen dahin. Individuelle Entscheidungen sind aus ihrer Welt verschwunden. Sie ist ganz und gar lebendig; sie schenkt Furchtlosigkeit.

Joan Halifax, Im Sterben dem Leben begegnen. Mut und Mitgefühl im Angesicht des Todes. Theseus Verlag, 2018

Nicht blauäugig und nicht rosa gefärbt.

 

Montags Impuls 24.06.2024

Wie kommen wir zur Ruhe?

Gerne weise ich heute auf ein Interview unter diesem Titel hin mit Nina Kunz (Autorin) und Marcel Steiner (Zen-Meister) geführt von Barbara Bleisch und Wolfram Eilenberger und ausgestrahlt am 23.06.2024 in Sternstunde Philosophie auf SRF 1.

Ganz unprätentiös, nicht gebunden an eine bestimmte Schule oder berühmte Lehrer, wird das Thema `Ruhe`, die äussere und die innere, durch die junge Autorin und den bekannten Zen-Lehrer beleuchtet: unserer Sehnsucht nichts leisten zu müssen, dem Gedanken von Ruhe `von der Welt` oder `für die Welt` wird nachgegangen, eine Politik der Ruhe angesprochen oder die kritische Frage nach `konsumierbarer Langsamkeit` aufgeworfen (weekends buchen, Zen-Kurse oder retreats absolvieren). —  Ruhe, um produktiver zu sein? Müssen wir dauernd `die beste Version unserer Selbst werden’ ?  Das entspricht unserem Zeitgeist. — Aber darum geht es nicht. Es geht um eine Ruhe, die im tiefsten nicht ökonomisierbar ist. Nina Kunz spricht davon, dass unser Hirn heute von so viel `flirrenden Elementen` dauernd überstimuliert wird. Zen, dieser Weg, die Ruhe in uns selbst zu finden, die immer schon da ist, ist schlussendlich ein Erfahrungsweg und mit Worten allein nicht erklärbar. Stillsein, auch als ein Stück Antwort auf die Brände in der Welt, ist Friedensarbeit. Aus der Ruhe ins Handeln kommen, merken: wo, unmittelbar, ist von meiner Seite her etwas zu tun?

Ruhe nicht bloss als Privileg, sondern als Recht und Pflicht.

 

Montags Impuls 17.06.2024

Neue Wahrheiten …

Wenn wir immer wieder in den See des Nicht-Wissens steigen und dort warten, was sich zeigt, ohne auf etwas zu warten. Wenn wir uns mit jedem Ausatmen tiefer sinken lassen, ohne etwas zu suchen, ohne Angst vor dem Grund zu bekommen, es gibt keinen Grund, es gibt kein Ziel, wir kommen nirgends an … wir lassen uns immer tiefer sinken, tiefer als `ich weiss, dass ich nichts weiss`… tiefer als alles Nachdenken und Analysieren, tiefer als alles, was gewusst oder unbewusst ist …

Dieses Sich-in-Stille-Fallen-Lassen, in unbekannte Tiefen, ist hilfreich und kann genau das Richtige sein, wenn wir auf der rationalen Ebene nicht weiterwissen oder wir uns plötzlich in der Alltags-Routine verfangen haben oder reflexartig meinen handeln zu müssen.

So kann etwas aufsteigen, von dem wir zuvor keine Ahnung hatten. Und andere Dinge können abtauchen, aus unserem Blickfeld verschwinden oder eine neue Bedeutung bekommen. Wir trauen den Dingen zu, ihren eigenen Lauf zu nehmen.

Und wir werden in einer großen Klarheit, ohne Zögern, ohne Zweifeln oder pros und cons abzuwägen, mit Überzeugung handeln und sprechen und genau das in diesem Moment Richtige tun. Es gibt kein richtig oder falsch!

… die selbst Vorübergehende sind.

 

Montags Impuls 10.06.2024

Tiere im Krieg

Eine sehenswerte Ausstellung im Zeughaus Solothurn befasst sich mit diesem Thema.

Pferde, Elefanten, Such- und Kampfhunde, Ratten und Brieftauben und noch einige andere Tiere, die im Dienst des Menschen, oder gegen den Menschen, den Feind, zum Einsatz kommen. Wir sehen auch einen Bären oder Katzen und einen Pinguin, die die Truppe erheitern, der Seele helfen, ja die mit Orden ausgezeichnet werden …

Hat ein Hund Buddha-Natur? ist eine bekannte Frage eines Koans. Es gibt da verschiedene Antworten drauf. Die Gängigste ist wohl: Mû. Wir interpretieren dieses Mû oft als `weder noch`. Oder: das ist die falsche Frage, stell` sie anders. Oder: warum fragst du so etwas überhaupt?

Diese Frage könnte uns auch folgenderweise weiterführen: wenn wir einem Hund Buddha-Natur (einen göttlichen Funken, auch er eine Ausformung der wertfreien Ur-Natur) zugestehen, und den Hund als nicht praktizierendes Wesen betrachten: Wieso besteht für uns die Notwendigkeit zu üben?

Wenn ihr es könnt, nehmt einfach hin, dass Buddha-Natur dem rationalen Verständnis unbegreiflich ist. (aus: Shôbôgenzô `Buddha-Natur`)

Hat ein Hund Buddha-Natur?

 

 

 

          

Ausrichtung der Kräfte

Eins mit Dir
Urgrund allen Lebens,
diene ich der Menschheit,
der Erde und dem Kosmos.

Mit liebendem Herzen
setze ich mich ein
für Gerechtigkeit und Frieden in mir,
in meinen Beziehungen und in der Welt
und achte alle Dimensionen der Schöpfung.

Zum Wohle leidender Wesen
in Armut, Gewalt und Schmerz
verkörpere ich Mitgefühl
und traue der göttlichen Weisheit in mir.

Achtsam lebe ich
Ergänzung und partnerschaftliches Miteinander
von Menschen aller Geschlechter,
Religionen und Kulturen,
Technik und Natur.

Ich bin bereit,
in Verantwortung für kommende Generationen
den Weg des Erwachens zu gehen,
Glück und Mühsal des Wachsens anzunehmen
und wahrhaft liebend zu werden.

Göttlicher Urgrund,
lass mich erfahren,
dass Dein ICH BIN
mein ICH BIN ist.

 

Ethikcodex der via integralis

1.   Nicht tötend …

lebe ich im Einklang mit allem Leben. Die Haltung des Nicht-Tötens und Nicht-Schadens nehme ich in differenzierter Weise in allen meinen Handlungen ernst.

2.   Nicht stehlend …

verpflichte ich mich, nichts zu nehmen, was mir nicht gehört, den Besitz anderer zu respektieren und im Umgang mit Geld aufrichtig zu sein.

3.   Sexuelles Fehlverhalten meidend …

verpflichte ich mich, niemandem durch Sexualität zu schaden. Alle Lehrenden verpflichten sich, ihre Autorität und Position nicht für sexuelle Beziehungen auszunützen. Sexuelle Beziehungen sind mit einem Lehrer/in-Schüler/in-Verhältnis nicht vereinbar.

4.   Nicht lügend …

bewahre ich eine transparente und ehrliche Haltung gegenüber Schüler/innen, Kursteilnehmenden und Lehrenden. Grenzen in der Begleitung anderer Menschen gestehe ich mir ein und spreche Belastungen in Beziehungen an. Wir fördern und fordern uns gegenseitig in mitfühlender und respektvoller Weise.

5.   Einen klaren Geist fördernd und Drogen meidend …

pflege ich einen verantwortungsvollen Umgang mit jeglicher Art von Dingen und Aktivitäten. Dazu gehören nebst dem Umgang mit Zeit, Medien, Konsum, Besitz und Beziehungen auch der Umgang mit Drogen, Alkohol und Tabak.

6.   Nicht über Fehler anderer lästernd …

verpflichte ich mich, die Würde der Einzelnen zu respektieren, indem ich ihrer Einzigartigkeit Rechnung trage. Was ich als Fehler betrachte, ist meine Sichtweise und damit relativ. Wenn Entscheidungen gefällt werden müssen, handle ich aus der inneren Mitte und trage die Verantwortung für meine Handlungen.

7.   Auf Eigenlob verzichtend und andere nicht verunglimpfend …

stehe ich offen für meine Überzeugungen ein, ohne die Einschätzung anderer geringzuachten. Ich respektiere die Ebenbürtigkeit aller Menschen und anerkenne, dass jede und jeder nach seinen besten Fähigkeiten handelt. Ich fördere das Potential aller Menschen.

8.   Überfluss nicht eigenmächtig zurückhaltend …

bin ich mir bewusst, dass der Kreislauf des Lebens auf Geben und Nehmen basiert. Ich habe die Sorge für den natürlichen Reichtum der Schöpfung und für die Verteilung der Güter im Blick. Ich lebe nach Massgabe der Möglichkeiten grosszügig aus meiner Mitte und tue alles, was der Gerechtigkeit, der Solidarität in der Gesellschaft, dem Frieden und der Bewahrung der Schöpfung dient.

9.   Gefühle von Wut regulierend …

bin ich mir bewusst, dass Wut ein starker Ausdruck von Energie und Wissen ist und ein Potential für Veränderung und Erneuerung darstellen kann. Ich bemühe mich um einen konstruktiven Umgang mit dieser Kraft und vermeide es, andere zu verletzen oder ihnen zu schaden. Ich praktiziere Mitgefühl allem Leben gegenüber und orientiere mich an der goldenen Regel, niemandem zuzufügen, was ich nicht selber erleben möchte.

10.  Nicht über die Schätze unserer Traditionen lästernd …

würdige und ehre ich die Schlüsselfiguren, die Traditionen und die Gemeinschaften, in welchen ich verankert bin oder zu denen ich durch die Begleitung von Kontemplierenden in Beziehung stehe. Ich biete anderen Traditionen meinen Respekt und Schutz vor Verunglimpfung an.

Ich verstehe die zehnte Richtlinie als eine Zusammenfassung der neun vorhergehenden Richtlinien und als eindringlichen Wegweiser für mein Handeln.

11.  Sorgfältig mit dem mir Anvertrauten umgehend …

halte ich die Schweigepflicht ein. Alles, was ausgesprochen wurde, behandle ich vertraulich.

 

 

10 Tipps zur Sitzmeditation

1.   Nehmen Sie sich täglich 15-25 Minuten Zeit dafür.

2.   Wählen Sie dazu einen ruhigen Ort im Haus, in der Wohnung, den Sie so beibehalten. Ein Kissen, ein Bänkli oder ein Stuhl, eine Matte, eine leere Wand.

3.   Regelmässigkeit ist wichtig. Die Wiederholung macht uns das Ueben zur Gewohnheit. Körper und Geist lernen durch die eingenommene Haltung: ah, jetzt ist die Zeit der Ruhe gekommen.

4.   Der Morgen vor dem Frühstück erweist sich allgemein als günstig. Handy beiseite legen. Kein Telefon abnehmen in dieser Zeit. Wir üben die Gegenwärtigkeit,

5.   Geduld: die Uebung wird unseren Alltag verändern. Transformation geschieht.

6.   Im Körper zeigen sich anfangs Verspannungen, Schmerzen, oder wir beginnen, diese überhaupt wahrzunehmen. Wir beginnen, ein „Gspüri“ für unseren Körper zu entwickeln.

7.    Es können verschiedene Gefühle auftreten, uns auch überschwemmen, oder wir machen spezielle Erfahrungen. Ein/e erfahrene/r Lehrer/in kann da anleiten und begleiten.

8.    Wir können allein üben, sitzen – in der Gemeinschaft wird die Meditationskraft stärker. Das Sitzen wird zu einem Gemeinschaftserlebnis und trägt uns.

9.    Es kann zu Einbrüchen bezüglich Motivation kommen. Manchmal haben wir es mit einer momentan unangenehmen Wirklichkeit zu tun. Da können der Wille dran zu bleiben, gute Lektüre

und die Gruppe helfen.

10.  Und last but not least: der Transfer in den Alltag. Nicht auf dem Kissen stecken bleiben. Wie setze ich

meine Erfahrung, meine Erkenntnisse in die Praxis um?

Es gibt zudem  jeden Tag immer wieder Gelegenheiten – beim Warten, bei der Kaffeepause oder beim kurzen Innehalten, bevor wir einen Anruf entgegennehmen – uns zu zentrieren und zu uns selbst zurückzukehren.

(01.11.2021  in Bearbeitung)