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Montags Impuls 05.12.2022

Warten

`Wir warten auf nichts! ` Dieser Ausspruch von Niklaus Brantschen, Jesuitenpater und Zen-Meister,
anlässlich eines Sesshins, kurz vor 08.00 Uhr, der Essensgong hatte noch nicht gerufen,
aber der Kaffeeduft stieg uns allen schon in die Nase …. ist zum geflügelten Wort geworden.
Er mahnte uns zu Geduld. Oder erinnerte, dass es gar nichts gibt, worauf wir zu warten hätten.
Auch in diesem Moment präsent sein, eben in der Position von Vorfreude auf den Kaffee.

Fragt einer den anderen: Nu, was machst du? Antwortet dieser: `Ich wart` auf bessere Zeiten`.
Advent als Zeit des Noch-nicht, eben des Wartens auf … und das ist die Kunst zu leben:
vorbereiten und doch genau in dem Augenblick des Vorbereitens zu SEIN. Weiss ich immer genau, was ich vorbereite?
Und `die Zeiten` – sind sie denn besser geworden?

Üben wir uns im Bereit-Sein.

 

Montags Impuls 21.11.2022

Mist auf den Acker

Das Pferd macht den Mist in den Stall, und obgleich der Mist Unsauberkeit und üblen Geruch an sich hat, so zieht doch dasselbe Pferd denselben Mist mit grosser Mühe auf das Feld; und daraus wächst der edle schöne Weizen und der edle süsse Wein, der niemals so wüchse, wäre der Mist nicht da. Nun, dein Mist, das sind deine eigenen Mängel, die du nicht beseitigen, nicht überwinden noch ablegen kannst, die trage mit Mühe und Fleiss auf den Acker des liebreichen Willens Gottes in rechter Gelassenheit deiner selbst. Streue deinen Mist auf dieses edle Feld, daraus spriesst ohne allen Zweifel in demütiger Gelassenheit edle, wonnigliche Frucht auf.

Johannes Tauler (ca. 1300 – 1360)

Tragen wir unseren Mist geduldig auf dieses Feld.      

          

Montags Impuls 14.11.2022

Die 7 Todsünden

Was wissen wir heute noch über die Todsünden? Über den Begriff der Sünde überhaupt?
Die 7 Todsünden sind in unsere Kultur eingegangen, in die Malerei, die Bildhauerei, in die Satire, ja sogar in Computerspielen finden wir sie als allegorische Gestalten. Zurzeit werden sie als Ballett mit Gesang (von Bertolt Brecht und Kurt Weill, 1933) am Stadttheater gespielt.
Hochmut, Neid, Zorn, Trägheit, Habgier, Völlerei, Wollust
Solche Aufzählungen unheilsamer Geisteszustände finden wir nicht nur in der katholischen Kirche sondern auch im Islam, im Buddhismus oder Hinduismus: Haltungen, bei denen das Leben abstirbt.

Im Gegenzug werden aber auch die 7 Gaben des Heiligen Geistes genannt, und es gibt reihenweise Auflistungen in buddhistischen Schriften, welche heilsame Haltungen zur Beendigung des Leidens lehren.
Es geht bei den Todsünden also grundsätzlich um ein Verhalten, das Lebendigkeit und Freude am Leben, Gott selbst, behindert.

Heute dürften wir diese Liste wohl erweitern um Zu-viel, Zu-schnell, Zu-sehr.

Sitzen wir im Vertrauen auf Vergebung.   

                                

Montags Impuls 07.11.2022

Weinen

Man kann auf der Autobahn weinen, auf dem WC oder auf dem Sitzkissen. Eine Hingabe an die Tränen, an den weinenden Augenblick:
`Es war nicht mein Weg, den ich da gerade gegangen bin, das Leiden ist zu gross, es ist mir zu nahe gegangen, es war allgemein zu viel in letzter Zeit, ich schlafe schlecht, bin dünnhäutig, die Balance von für andere und für mich stimmt nicht mehr` … oder andere Erkenntnisse.

Dann heisst es wieder lassen, die Situation, den anderen, mich – und weitergehen auf meinem eigenen Weg.

 Tränen-Meditation       

                                                                

Montags Impuls 31.10.2022

Allerheiligen

Allerheiligen ist bei uns ein Feiertag, ein arbeitsfreier Tag. Es ist ein Tag der katholischen Kirche, die ihrer Heiligen gedenkt. Heilige in diesem Sinn sind Menschen, die sich mit ihrem Leben ganz dem Willen Gottes hingegeben haben, Gutes taten, auch Wunder, z.T. noch nach ihrem Tod, insgesamt also auffielen und nach bestimmten Kriterien heiliggesprochen wurden.

Aber, wir alle sind als `Heilige` gemeint, die wir auf dem WEG sind, in Achtsamkeit und Gewahrsein, wenn wir spüren, sehen und hören, was sonst nicht gespürt, gesehen oder überhört wird in uns selbst, in anderen, in der Welt.

`Wer seine Sinne hat ins Innere gebracht, der hört, was man nicht red` und siehet in der Nacht` sagt uns schon Angelus Silesius im 17. Jh.

Lassen wir uns immer wieder in unsere Heiligkeit einsinken.  

 

Montags Impuls 17.10.2022

Heilige Wahrheit?

Der chinesische Kaiser Wu-Di von Liang fragte Boddhidharma, den ersten Patriarchen des Zen (ca. 500 n.Chr.): «Was ist der tiefste Sinn der heiligen Wahrheit?»
Dieser antwortete: «Offene Weite – nichts von heilig.»
Der Kaiser von China, einer der Kaiser, ein Politiker, einflussreich und mächtig und angesehen, glaubt in dem Wandermönch aus Indien, einen hoch zu verehrenden Heiligen vor sich zu haben. Dieser wird ihm doch wohl einen gehaltvollen Hinweis geben können zu was es mit der heiligen Wahrheit auf sich hat …
Und Boddhidharma, wach, wie er ist, zerstört mit einem einzigen verbalen Schwerthieb dessen Erwartungen: Offene Weite – nichts von heilig.
Es gibt im Zen keine Trennung zwischen heilig und gewöhnlich. Der Zen-Geist unterscheidet nicht zwischen einem spirituellen Leben (eines Mönchs) und einem aktiven Leben in der Welt. Es gibt nichts, was nicht `heilig` wäre, aber auch nichts, was `besonders heilig` wäre.
Je offener und weiter unser Geist wird, desto mehr übersteigen wir das duale Weltbild.

 Offene Weite – nichts von heilig!                            

 

Montags Impuls 10.10.2022

Wahrheit

Selbst wenn sich ein eisernes Rad
über meinem Kopf drehte,
klare Einsicht und Weisheit werden niemals vergehen.

Selbst, wenn die Sonne erkaltete und der Mond erglühte,
nicht einmal ein Heer von Dämonen
könnte die Wahrheit zerstören.

aus: Shodoka, Gesang vom Erkennen des Tao (auch übersetzt als: Lied über das Erwachen zum Weg) vom chin. Meister Yoka Daishi  (665–713)

Mit allergrösster Überzeugung, ja innerer Gewissheit, spricht Yoka Daishi hier über die Wahrheit. – Schon Jesus sagte von sich kurz vor seiner Hinrichtung:          ich kam in die Welt, dass ich die Wahrheit bekanntmache. Was ist Wahrheit? fragte Pilatus. Und Jesus schwieg.

Selbst, wenn ich mich zerschunden und zerfetzt fühle von einem `eisernen Rad über meinem Kopf` oder ein ganzes `Heer von Dämonen` mir zusetzt, selbst, wenn Sonne und Mond den Naturgesetzen nicht mehr gehorchen: die Wahrheit, unser innerster Kern, die Ur-natur in der eben jetzigen Ausformung in dir und mir und allen Dingen, ja das Leben selbst! – kann nicht zerstört werden.

Üben wir uns ein in dieser Gewissheit.                        

 

                                                                                

      

Ausrichtung der Kräfte

Eins mit Dir,
Urgrund allen Lebens,
diene ich der Menschheit,
der Erde und dem Kosmos.

Mit liebendem Herzen
setze ich mich ein
für Gerechtigkeit und Frieden in mir,
in meinen Beziehungen und in der Welt
und achte alle Dimensionen der Schöpfung.

Zum Wohle leidender Wesen
in Armut, Gewalt und Schmerz
verkörpere ich Mitgefühl
und traue der göttlichen Weisheit in mir.

Achtsam lebe ich
Ergänzung und partnerschaftliches Miteinander
von Menschen aller Geschlechter,
Religionen und Kulturen,
Technik und Natur.

Ich bin bereit,
in Verantwortung für kommende Generationen
den Weg des Erwachens zu gehen,
Glück und Mühsal des Wachsens anzunehmen
und wahrhaft liebend zu werden.

Göttlicher Urgrund,
lass mich erfahren,
dass Dein ICH BIN
mein ICH BIN ist.

 

Ethikcodex der via integralis

1.   Nicht tötend …

lebe ich im Einklang mit allem Leben. Die Haltung des Nicht-Tötens und Nicht-Schadens nehme ich in differenzierter Weise in allen meinen Handlungen ernst.

2.   Nicht stehlend …

verpflichte ich mich, nichts zu nehmen, was mir nicht gehört, den Besitz anderer zu respektieren und im Umgang mit Geld aufrichtig zu sein.

3.   Sexuelles Fehlverhalten meidend …

verpflichte ich mich, niemandem durch Sexualität zu schaden. Alle Lehrenden verpflichten sich, ihre Autorität und Position nicht für sexuelle Beziehungen auszunützen. Sexuelle Beziehungen sind mit einem Lehrer/in-Schüler/in-Verhältnis nicht vereinbar.

4.   Nicht lügend …

bewahre ich eine transparente und ehrliche Haltung gegenüber Schüler/innen, Kursteilnehmenden und Lehrenden. Grenzen in der Begleitung anderer Menschen gestehe ich mir ein und spreche Belastungen in Beziehungen an. Wir fördern und fordern uns gegenseitig in mitfühlender und respektvoller Weise.

5.   Einen klaren Geist fördernd und Drogen meidend …

pflege ich einen verantwortungsvollen Umgang mit jeglicher Art von Dingen und Aktivitäten. Dazu gehören nebst dem Umgang mit Zeit, Medien, Konsum, Besitz und Beziehungen auch der Umgang mit Drogen, Alkohol und Tabak.

6.   Nicht über Fehler anderer lästernd …

verpflichte ich mich, die Würde der Einzelnen zu respektieren, indem ich ihrer Einzigartigkeit Rechnung trage. Was ich als Fehler betrachte, ist meine Sichtweise und damit relativ. Wenn Entscheidungen gefällt werden müssen, handle ich aus der inneren Mitte und trage die Verantwortung für meine Handlungen.

7.   Auf Eigenlob verzichtend und andere nicht verunglimpfend …

stehe ich offen für meine Überzeugungen ein, ohne die Einschätzung anderer geringzuachten. Ich respektiere die Ebenbürtigkeit aller Menschen und anerkenne, dass jede und jeder nach seinen besten Fähigkeiten handelt. Ich fördere das Potential aller Menschen.

8.   Überfluss nicht eigenmächtig zurückhaltend …

bin ich mir bewusst, dass der Kreislauf des Lebens auf Geben und Nehmen basiert. Ich habe die Sorge für den natürlichen Reichtum der Schöpfung und für die Verteilung der Güter im Blick. Ich lebe nach Massgabe der Möglichkeiten grosszügig aus meiner Mitte und tue alles, was der Gerechtigkeit, der Solidarität in der Gesellschaft, dem Frieden und der Bewahrung der Schöpfung dient.

9.   Gefühle von Wut regulierend …

bin ich mir bewusst, dass Wut ein starker Ausdruck von Energie und Wissen ist und ein Potential für Veränderung und Erneuerung darstellen kann. Ich bemühe mich um einen konstruktiven Umgang mit dieser Kraft und vermeide es, andere zu verletzen oder ihnen zu schaden. Ich praktiziere Mitgefühl allem Leben gegenüber und orientiere mich an der goldenen Regel, niemandem zuzufügen, was ich nicht selber erleben möchte.

10.  Nicht über die Schätze unserer Traditionen lästernd …

würdige und ehre ich die Schlüsselfiguren, die Traditionen und die Gemeinschaften, in welchen ich verankert bin oder zu denen ich durch die Begleitung von Kontemplierenden in Beziehung stehe. Ich biete anderen Traditionen meinen Respekt und Schutz vor Verunglimpfung an.

Ich verstehe die zehnte Richtlinie als eine Zusammenfassung der neun vorhergehenden Richtlinien und als eindringlichen Wegweiser für mein Handeln.

11.  Sorgfältig mit dem mir Anvertrauten umgehend …

halte ich die Schweigepflicht ein. Alles, was ausgesprochen wurde, behandle ich vertraulich.

 

 

10 Tipps zur Sitzmeditation

1.   Nehmen Sie sich täglich 15-25 Minuten Zeit dafür.

2.   Wählen Sie dazu einen ruhigen Ort im Haus, in der Wohnung, den Sie so beibehalten. Ein Kissen, ein Bänkli oder ein Stuhl, eine Matte, eine leere Wand.

3.   Regelmässigkeit ist wichtig. Die Wiederholung macht uns das Ueben zur Gewohnheit. Körper und Geist lernen durch die eingenommene Haltung: ah, jetzt ist die Zeit der Ruhe gekommen.

4.   Der Morgen vor dem Frühstück erweist sich allgemein als günstig. Handy beiseite legen. Kein Telefon abnehmen in dieser Zeit. Wir üben die Gegenwärtigkeit,

5.   Geduld: die Uebung wird unseren Alltag verändern. Transformation geschieht.

6.   Im Körper zeigen sich anfangs Verspannungen, Schmerzen, oder wir beginnen, diese überhaupt wahrzunehmen. Wir beginnen, ein „Gspüri“ für unseren Körper zu entwickeln.

7.    Es können verschiedene Gefühle auftreten, uns auch überschwemmen, oder wir machen spezielle Erfahrungen. Ein/e erfahrene/r Lehrer/in kann da anleiten und begleiten.

8.    Wir können allein üben, sitzen – in der Gemeinschaft wird die Meditationskraft stärker. Das Sitzen wird zu einem Gemeinschaftserlebnis und trägt uns.

9.    Es kann zu Einbrüchen bezüglich Motivation kommen. Manchmal haben wir es mit einer momentan unangenehmen Wirklichkeit zu tun. Da können der Wille dran zu bleiben, gute Lektüre

und die Gruppe helfen.

10.  Und last but not least: der Transfer in den Alltag. Nicht auf dem Kissen stecken bleiben. Wie setze ich

meine Erfahrung, meine Erkenntnisse in die Praxis um?

Es gibt zudem  jeden Tag immer wieder Gelegenheiten – beim Warten, bei der Kaffeepause oder beim kurzen Innehalten, bevor wir einen Anruf entgegennehmen – uns zu zentrieren und zu uns selbst zurückzukehren.

(01.11.2021  in Bearbeitung)