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Montags Impuls 16.03.2026
Ohne Ende
Der Ton des Seins erklingt ohne Unterlass
Karlfried Graf Dürckheim (Philosoph, Psychotherapeut, Zen-Lehrer, Mystiker des 20.Jh.)
Der Ton als Manifestation des Urgrundes, der selbst ohne Ausdruck ist.
Es heisst nicht, der Ton klingt (tönt also dauernd), sondern der Ton er-klingt. Ohne Unterlass, immer wieder neu nimmt das Sein Gestalt an, Farbe, Emotion, Handlung … ohne Unterlass, ohne Anhalten, ohne Stocken, ohne Bremse, ohne Pause … mit oder ohne mein Zutun.
In der Meditation versuchen wir nicht, diese Gegebenheit anzuhalten. Aber es gelingt uns wohl ein Stück weit einzugehen in das nur-Sein, bewusst-Sein, ohne zu wollen, ohne zu wissen, ohne zu bedauern, ohne zu hoffen. Diesem `Nichts`, `Noch-nichts`, `Nicht-mehr` nahe zu kommen, unser Bewusstsein ins Nur-Sein zu bringen. Ungerichtetes nur Sein — dahin, wo der Ton noch nicht wieder neu erklungen ist (geht das?), das Sein noch ohne Ausdruck ist.
Unser Geist benennt immer wieder anders, was in seinem Ursprung das Eine ist: schön, leidvoll, anstrengend, erbaulich, wohltuend, belastend … habe ich etwas verpasst? Habe ich etwas vergessen?
Der Ton des Seins erklingt weiter — ohne Unterlass.
Und immer wieder neu
Montags Impuls 09.03.2026
Geschickter Umgang
Triffst du einen Schwertkämpfer,
zeige ihm ein Schwert.
Ein Gedicht zeige nur einem Dichter.
Sprichst du zu anderen, sage nur drei Viertel;
den letzten Teil gib niemals preis!
(Vers von Meister Mumon zum Fall 33 des `Mumonkan`)
Die meisten Menschen in unserer Umgebung, wir miteingeschlossen, sind zu Aufrichtigkeit erzogen worden, immer, und jedem und alles zu sagen … und so ist die Ermunterung der Dreiviertel zu verstehen als: ich darf auch etwas für mich behalten.
Es gibt ausserdem die Sichtweise: Texte den anderen nicht zu, gib ihm / ihr die Möglichkeit, die Wahrheit selber zu entdecken. Das letzte Viertel muss man sich selbst aneignen, zur eigenen Wahrheit machen. Schon bei gesunden Kindern ist die Lust am Entdecken und Erforschen zu beobachten. Diese ist auch uns Erwachsenen nicht abhandengekommen.
Dem Schwertkämpfer nur ein Schwert,
nur dem Dichter ein Gedicht,
und im Gespräch:
einen Viertel für sich behalten.
Montags Impuls 02.03.2026
Mit dem Körper beten
Wir nehmen zum Sitzen in Stille eine bestimmte Körperhaltung ein, je nach Geübtheit, den Lotus- oder Halblotussitz, nehmen ein Bänkli zur Hilfe oder setzen uns auf einen Hocker. Das Einnehmen dieser Position erinnert all unsere Zellen, dass wir für die nächste halbe Stunde nicht gestört werden, nichts zu tun brauchen und Gedanken und Befindlichkeiten als solche wahrnehmen und ziehen lassen.
Es ist gut dabei immer wieder in eine gewohnte Haltung zu gehen. Das stärkt Vertrauen und Selbstsicherheit.
Zwischendurch können wir unserem momentanen Dasein auch Ausdruck verleihen mit einer Verneigung, die Handflächen aneinandergelegt, über Kopfhöhe, in Augen- oder auf Brusthöhe. Wir können, je nach Gelenkigkeit, uns sogar bis zum Boden neigen, Stirne auf dem Fussboden und die Hände mit den Handflächen gegen oben: Ich verneige mich vor der höheren Gottheit und hebe auf mein Herz in Demut.
Auch das Ausbreiten der Arme mit den Handflächen gegen oben als Ausdruck von weiter Offenheit und Empfangsbereitschaft können ausprobiert werden.
Den körperlichen Ausdruck finden für Dank, Bitte, Demut, Vorwurf, Klagen … und dann wieder in die gewohnt-gesammelte Haltung zurückkehren.
Dies ist mein Leib
Montags Impuls 23.02.2026
Bitte
Wir werden eingetaucht
und mit den Wassern der Sintflut gewaschen
Wir werden durchnässt
bis auf die Herzhaut
Der Wunsch nach der Landschaft
diesseits der Tränengrenze
taugt nicht
der Wunsch den Blütenfrühling zu halten
der Wunsch verschont zu bleiben
taugt nicht
Es taugt die Bitte
dass bei Sonnenaufgang die Taube
den Zweig vom Ölbaum bringe
dass die Frucht so bunt wie die Blume sei
dass noch die Blätter der Rose am Boden
eine leuchtende Krone bilden
und dass wir aus der Flut
dass wir aus der Löwengrube und dem feurigen Ofen
immer versehrter und immer heiler
stets von neuem
zu uns selbst
entlassen werden.
Gestern vor 20 Jahren ist Hilde Domin (1909 – 2006), deutsch-jüdische Schriftstellerin, gestorben. Ihren Künstlernamen Domin wählte sie nach dem Land, das in der Zeit der Emigration ihr und ihrem Ehemann zu einem Stück Heimat wurde: die Dominikanische Republik, ein Inselstaat in der Karibik)
Danke, Hilde
Montags Impuls 16.02.2026
Dein ursprüngliches Angesicht?
Suche nicht nach Buchstaben, verstricke dich nicht in Worte, lass endlich ab von deinen Kommentaren. Dreh das Licht um und beleuchte dich selbst, lerne, einen Schritt zurückzutun. Von selbst werden sich Körper und Geist lösen, dein ursprüngliches Angesicht wird ganz offenbar. Wenn du die Dinge sehen willst, so wie sie sind, musst du — hier und jetzt — ganz du selbst sein, so wie du bist.
Meister Dogen (1200 – 1253)
Wir sind durch Erziehung, das Milieu, in dem wir als Kind und Erwachsene gelebt haben und leben, durch unsere Gene, durch eigene Erfahrungen und Erkenntnisse, durch unser geografisches und politisches Umfeld und durch vieles andere geprägt. Wir haben gelernt. Unser Charakter hat sich ausgebildet. Und wir bilden uns weiter und lernen und machen weitere Erfahrungen, die wir allem anderen zufügen.
Was bleibt, wenn wir von allem ablassen? Das heisst nicht ausblenden oder gar ungeschehen machen wollen. Was waren wir, bevor `alles andere` dazu kam? Haben wir noch Zugang zu diesem `ursprünglichen Angesicht? `
Nicht Körper und nicht Geist
Montags Impuls 09.02.2026
Ausrichtung der Kräfte
Eins mit DIR, Urgrund allen Lebens, diene ich der Menschheit, der Erde und dem Kosmos.
Mit liebendem Herzen setze ich mich ein für Gerechtigkeit und Frieden in mir, in meinen Beziehungen und in der Welt und achte alle Dimensionen der Schöpfung.
Zum Wohle leidender Wesen in Armut, Gewalt und Schmerz verkörpere ich Mitgefühl und traue der göttlichen Weisheit in mir.
Achtsam lebe ich Ergänzung und partnerschaftliches Miteinander von Menschen aller Geschlechter, Religionen und Kulturen, Technik und Natur.
Ich bin bereit, in Verantwortung für kommende Generationen den Weg des Erwachens zu gehen, Glück und Mühsal des Wachsens anzunehmen und wahrhaft liebend zu werden.
Göttlicher Urgrund, lass mich erfahren, dass Dein ICH BIN mein ICH BIN ist.
Unser Verein via integralis wächst und umfasst zurzeit 110 aktive Mitglieder. Der zweite Lehrgang der Kontemplationsschule via integralis in Lettland ist unterwegs, der zweite frankophone Lehrgang in Planung, und im deutschsprachigen Raum ist Lehrgang Nr. 7 im zweiten Ausbildungsjahr.
An diesem Wochenende in Wislikofen nahmen am Jahrestreffen zum ersten Mal ernannte Lehrende aus der Welschschweiz und Frankreich teil.
Und so geschieht Weiterentwicklung.
Hier findet ihr einen der zentralen Texte, die von vielen Menschen täglich aus der Stille gesprochen werden, neu auch in französischer Sprache. — Das hat doch für Frankophile auch seinen eigenen Reiz?
Un avec Toi, Origine de toute vie, je sers l`humanité, la terre et le cosmos, dans le respect de toutes les dimensions de la création.
Avec amour, je m`engage pour la justice et la paix en moi, dans mes relations, dans le monde.
Pour le bien des êtres vivants qui souffrent de pauvreté, de violence et de douleur, je vis avec compassion et sagesse.
Je cherche à promouvoir la complémentarité et le respect entre hommes et femmes, entre religions et cultures, entre technique et nature.
Afin d`assumer ma responsabilité envers les générations à venir, je suis prêt à pratiquer la voie de l`éveil, à accepter les peines et les joies de la croissance et à devenir authentiquement aimant.
Essence divine, donne-moi d`expérimenter, que ton « Je Suis » est mon je suis.
Orientation
Montags Impuls 02.02.2026
Tauchgang
Geh`in deinen eigenen Grund, denn inwendig, im Innersten deiner Seele, da ist dein Leben, und da alleine lebst du.
Meister Eckehart (ca. 1260 – 1328, Dominikanermönch und Philosoph)
In der Meditation nehmen wir gerne das Bild vom Einsinken, Sich-fallen-lassen oder vom Eintauchen … in die Stille.
Erinnert Ihr Euch, wie es in der Badi war? Wir lernten schwimmen, wir machten die Erfahrung, dass uns das Wasser trägt. Habt Ihr auch ausprobiert, wie es ist, wenn man unter Wasser immer mehr Luft ausbläst? Wie dann der Körper langsam absinkt?
So sinken wir beim stillen Sitzen tiefer, nehmen auftauchende Gedanken, Gefühle und Befindlichkeiten wahr, und ausatmend kommt immer tiefere Stille zu uns. Allein oder, kraftvoller noch, in Gemeinschaft.
Wir tauchen nicht aktiv nach Muscheln, Perlen oder Korallen. Aber es wird sich uns das zeigen, wofür es gerade Zeit ist. Und aus dieser Stille werden wir in das Tun geführt, wozu jetzt die Zeit drängt.
Ohne Erwartung
Wo Zen und christliche Mystik sich begegnen. Der leere Kreis: Zen-Symbol für Weite und Offenheit
Das Kreuz: Symbol unserer christlichen Wurzeln

Ausrichtung der Kräfte
Eins mit Dir
Urgrund allen Lebens,
diene ich der Menschheit,
der Erde und dem Kosmos.
Mit liebendem Herzen
setze ich mich ein
für Gerechtigkeit und Frieden in mir,
in meinen Beziehungen und in der Welt
und achte alle Dimensionen der Schöpfung.
Zum Wohle leidender Wesen
in Armut, Gewalt und Schmerz
verkörpere ich Mitgefühl
und traue der göttlichen Weisheit in mir.
Achtsam lebe ich
Ergänzung und partnerschaftliches Miteinander
von Menschen aller Geschlechter,
Religionen und Kulturen,
Technik und Natur.
Ich bin bereit,
in Verantwortung für kommende Generationen
den Weg des Erwachens zu gehen,
Glück und Mühsal des Wachsens anzunehmen
und wahrhaft liebend zu werden.
Göttlicher Urgrund,
lass mich erfahren,
dass Dein ICH BIN
mein ICH BIN ist.
Ethikcodex der via integralis
1. Nicht tötend …
lebe ich im Einklang mit allem Leben. Die Haltung des Nicht-Tötens und Nicht-Schadens nehme ich in differenzierter Weise in allen meinen Handlungen ernst.
2. Nicht stehlend …
verpflichte ich mich, nichts zu nehmen, was mir nicht gehört, den Besitz anderer zu respektieren und im Umgang mit Geld aufrichtig zu sein.
3. Sexuelles Fehlverhalten meidend …
verpflichte ich mich, niemandem durch Sexualität zu schaden. Alle Lehrenden verpflichten sich, ihre Autorität und Position nicht für sexuelle Beziehungen auszunützen. Sexuelle Beziehungen sind mit einem Lehrer/in-Schüler/in-Verhältnis nicht vereinbar.
4. Nicht lügend …
bewahre ich eine transparente und ehrliche Haltung gegenüber Schüler/innen, Kursteilnehmenden und Lehrenden. Grenzen in der Begleitung anderer Menschen gestehe ich mir ein und spreche Belastungen in Beziehungen an. Wir fördern und fordern uns gegenseitig in mitfühlender und respektvoller Weise.
5. Einen klaren Geist fördernd und Drogen meidend …
pflege ich einen verantwortungsvollen Umgang mit jeglicher Art von Dingen und Aktivitäten. Dazu gehören nebst dem Umgang mit Zeit, Medien, Konsum, Besitz und Beziehungen auch der Umgang mit Drogen, Alkohol und Tabak.
6. Nicht über Fehler anderer lästernd …
verpflichte ich mich, die Würde der Einzelnen zu respektieren, indem ich ihrer Einzigartigkeit Rechnung trage. Was ich als Fehler betrachte, ist meine Sichtweise und damit relativ. Wenn Entscheidungen gefällt werden müssen, handle ich aus der inneren Mitte und trage die Verantwortung für meine Handlungen.
7. Auf Eigenlob verzichtend und andere nicht verunglimpfend …
stehe ich offen für meine Überzeugungen ein, ohne die Einschätzung anderer geringzuachten. Ich respektiere die Ebenbürtigkeit aller Menschen und anerkenne, dass jede und jeder nach seinen besten Fähigkeiten handelt. Ich fördere das Potential aller Menschen.
8. Überfluss nicht eigenmächtig zurückhaltend …
bin ich mir bewusst, dass der Kreislauf des Lebens auf Geben und Nehmen basiert. Ich habe die Sorge für den natürlichen Reichtum der Schöpfung und für die Verteilung der Güter im Blick. Ich lebe nach Massgabe der Möglichkeiten grosszügig aus meiner Mitte und tue alles, was der Gerechtigkeit, der Solidarität in der Gesellschaft, dem Frieden und der Bewahrung der Schöpfung dient.
9. Gefühle von Wut regulierend …
bin ich mir bewusst, dass Wut ein starker Ausdruck von Energie und Wissen ist und ein Potential für Veränderung und Erneuerung darstellen kann. Ich bemühe mich um einen konstruktiven Umgang mit dieser Kraft und vermeide es, andere zu verletzen oder ihnen zu schaden. Ich praktiziere Mitgefühl allem Leben gegenüber und orientiere mich an der goldenen Regel, niemandem zuzufügen, was ich nicht selber erleben möchte.
10. Nicht über die Schätze unserer Traditionen lästernd …
würdige und ehre ich die Schlüsselfiguren, die Traditionen und die Gemeinschaften, in welchen ich verankert bin oder zu denen ich durch die Begleitung von Kontemplierenden in Beziehung stehe. Ich biete anderen Traditionen meinen Respekt und Schutz vor Verunglimpfung an.
Ich verstehe die zehnte Richtlinie als eine Zusammenfassung der neun vorhergehenden Richtlinien und als eindringlichen Wegweiser für mein Handeln.
11. Sorgfältig mit dem mir Anvertrauten umgehend …
halte ich die Schweigepflicht ein. Alles, was ausgesprochen wurde, behandle ich vertraulich.
10 Tipps zur Sitzmeditation
1. Nehmen Sie sich täglich 15-25 Minuten Zeit dafür.
2. Wählen Sie dazu einen ruhigen Ort im Haus, in der Wohnung, den Sie so beibehalten. Ein Kissen, ein Bänkli oder ein Stuhl, eine Matte, eine leere Wand.
3. Regelmässigkeit ist wichtig. Die Wiederholung macht uns das Ueben zur Gewohnheit. Körper und Geist lernen durch die eingenommene Haltung: ah, jetzt ist die Zeit der Ruhe gekommen.
4. Der Morgen vor dem Frühstück erweist sich allgemein als günstig. Handy beiseite legen. Kein Telefon abnehmen in dieser Zeit. Wir üben die Gegenwärtigkeit,
5. Geduld: die Uebung wird unseren Alltag verändern. Transformation geschieht.
6. Im Körper zeigen sich anfangs Verspannungen, Schmerzen, oder wir beginnen, diese überhaupt wahrzunehmen. Wir beginnen, ein „Gspüri“ für unseren Körper zu entwickeln.
7. Es können verschiedene Gefühle auftreten, uns auch überschwemmen, oder wir machen spezielle Erfahrungen. Ein/e erfahrene/r Lehrer/in kann da anleiten und begleiten.
8. Wir können allein üben, sitzen – in der Gemeinschaft wird die Meditationskraft stärker. Das Sitzen wird zu einem Gemeinschaftserlebnis und trägt uns.
9. Es kann zu Einbrüchen bezüglich Motivation kommen. Manchmal haben wir es mit einer momentan unangenehmen Wirklichkeit zu tun. Da können der Wille dran zu bleiben, gute Lektüre
und die Gruppe helfen.
10. Und last but not least: der Transfer in den Alltag. Nicht auf dem Kissen stecken bleiben. Wie setze ich
meine Erfahrung, meine Erkenntnisse in die Praxis um?
Es gibt zudem jeden Tag immer wieder Gelegenheiten – beim Warten, bei der Kaffeepause oder beim kurzen Innehalten, bevor wir einen Anruf entgegennehmen – uns zu zentrieren und zu uns selbst zurückzukehren.
(01.11.2021 in Bearbeitung)